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The Urban Cultures of Global Prayers

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collageneu3The Urban Cul­tures of Global Prayers

Rück­blick auf eine Auss­tel­lung in der NGBK, Ora­niens­trasse Berlin

Von Char­lotte Gün­ther 
Lek­torat : Alain Le Treut 
Col­lage : Katja Rei­chard

Vom 12. No­vember bis 8. Ja­nuar 2012 fand in der Neuen Ge­sell­schaft für Bil­dende Kunst in der Kreuz­berger Ora­niens­trasse die Auss­tel­lung "The Urban Cul­tures of Global Prayers" statt. Sie ging aus dem noch lau­fenden gross an­ge­legten Kultur- und For­schung­spro­jekt "Global Prayers: Erlö­sung und Be­freiung in der Stadt" hervor. Vom Ve­rein me­tro­Zones – Zen­trum für städ­ti­sche An­ge­le­gen­heiten ini­tiiert, bes­chäf­tigt es sich mit der Frage, wie re­li­giöse Prak­tiken die Stadt verän­dern und wie glei­ch­zeitig städ­ti­sche Räume neue Re­li­gio­sitäten her­vor­bringen.

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, wurden be­reits exis­tie­rende wis­sen­schaft­liche, eth­no­gra­phi­sche und au­dio­vi­suelle Ar­beiten aus­gewählt, be­zie­hung­sweise für die Auss­tel­lung neu ent­wi­ckelt.  

Neben Fol­ge­pu­bli­ka­tionen und einer wei­teren Auss­tel­lung in Graz (27. Ja­nuar bis 31. März 2012) werden vom 23. bis 26. Fe­bruar 2012 im Haus der Kul­turen der Welt die The­men­tage „Global Prayers ve­rans­taltet. Die 4 The­men­tage sollen dazu ge­nutzt werden, über das Pro­jekt wis­sen­schaft­lich zu dis­ku­tieren und es in seiner mul­ti­me­dialen Viel­falt vor­zus­tellen.

So­viel zum Ablauf des Pro­jekts. Was sah man nun aber in der Ora­niens­trasse?

Die le­gendären Auss­tel­lung­sräume der seit 1969 exis­tie­renden NGBK er­reicht man über die reich bestückte Bu­ch­hand­lung Kisch. Nach dem Schmö­kern  in schumm­riger At­mos­phäre be­tritt man einen von oben bis unten weiss getünchten grossen Raum. Zuerst die Emp­fang­stheke, an der man - Hurra! - ohne zu be­zahlen, vor­bei­gehen darf. Dabei musste man sich einen der aus­lie­genden Auss­tel­lung­sbe­gleiter sch­nappen, denn ohne ihn wäre man den Ex­po­naten nicht wirk­lich auf den Grund ge­kommen. Im ersten Raum fiel mir be­son­ders der Film „Raum­tau­sch“ auf, der sich mit der Ge­mein­dear­beit junger Christen in Berlin bes­chäf­tigt. Junge Leute wie Du und Ich, die für kurze Zeit und mit atem­be­rau­bender Ges­ch­win­dig­keit Woh­nungen und Sou­ter­rains in christ­liche Be­ge­gnung­szen­tren ver­wan­deln.

Raum­tausch, -be­set­zung, -ver­wand­lung, -schaf­fung - darum geht es re­li­giösen Gruppen of­fen­sicht­lich in vielen Teilen der Welt: zum Bei­spiel in Lagos, wo am Rande der Me­tro­pole hinter einer chao­ti­schen Ver­kehrss­trasse  die geord­nete und erlö­sung­ve­rheis­sende Welt des Re­deemed Chris­tian Church of God-Re­demp­tion Camp be­ginnt. Der Arzt und Fil­me­ma­cher Jens Wenkel führt in einer Multi-Channel-Vi­deoins­tal­la­tion die Er­schaf­fung einer ganzen re­li­giösen Stadt vor. Beein­dru­ckend das Video der in einer fuss­ball­feld­grossen Halle ins­ze­nierten Erlö­sung­sshow, bei der hun­dert­tau­sende von Gläu­bigen in kol­lek­tive Tran­ce­zustände fallen.

Ein zweites Bei­spiel: die Fotos von Verò­nica Mas­tro­si­mone, die in der Villa 31 und auf der Isla Ma­ciel, zwei Bar­rios in Buenos Aires, ents­tanden. Sie zeigen, wie die Gläu­bigen in ihrer Kirche einen Ort der Be­sin­nung finden, wäh­rend draussen, in der Villa 31, 30 000 Men­schen weiter tä­glich ums Über­leben kämpfen.

Rau­me­ro­be­rung findet sogar in den Ju­gend­gefän­gnissen von Mexiko-City statt. Das zeigt eine 3-Channel-Vi­deoins­tal­la­tion der Ar­gen­ti­nierin Lìa Dansker. Ob­wohl re­li­giöse Bilder ver­boten sind, schaffen es die Ju­gend­li­chen, die Schutz­hei­lige der Bar­rios Santa Muerte ein­zu­schleusen.

Im letzten Auss­tel­lung­sraum geht man auf eine grosse Pro­jek­tions­fläche  mit dem Gefühl zu, einen neuen Raum zu be­treten. Man sieht, dass ei­nige chi­ne­si­sche Männer in einem Kel­ler­raum Ti­sch­ten­nis­platten auf­stellen. Sie spielen, dann ver­sch­winden sie. Kurze Zeit später be­treten ei­nige ara­bi­sche Männer den Raum, räumen die Ti­sch­ten­nis­platten zur Seite und breiten grosse blaue Plas­tik­planen auf dem Boden aus. Dann knien sie sich zum Gebet nieder. Am Ende falten sie ihre Planen wieder zu­sammen und ver­lassen den Raum... Das Spiel kann von vorne be­ginnen.

Diese Vi­deoins­tal­la­tion von Aryo Da­nu­siri ge­fiel mir, weil sie den Zu­schauer ins Ges­chehen mit ein­be­zieht und neu­gierig auf die Hin­ter­gründe dieser merkwür­digen räum­li­chen Koexis­tenz macht. Gerne hätte ich mehr darüber er­fahren, aber weder an dieser noch an an­derer Stelle der Auss­tel­lung waren In­for­ma­tionen über In­halte und Ma­cher der aus­ges­tellten Werke zu be­kommen. Zum Glück hatte ich mir vor­sor­glich den Auss­tel­lung­sbe­gleiter à 2 Euro ge­kauft.

Nun ist die Auss­tel­lung in der NGBK vorbei, wen aber grund­sätz­lich in­te­res­siert, wie sich Künst­le­rInnen und For­sche­rInnen mit heu­tigen al­ter­na­tiven re­li­giösen Prak­tiken welt­weit au­sei­nan­der­setzen, hat im Fe­bruar im Haus der Kul­turen der Welt eine zweite Chance, mehr darüber zu er­fahren. 

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